Die deutsche Kolonialherrschaft
Die internationale Legitimierung der Kolonie sowie die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Kolonialmächten, wurde durch die Berliner Kongokonferenz (1884-1885) verabschiedet. In der auf den Vertrag folgenden Zeit handelte Deutschland mit den Portugiesen den genauen Grenzverlauf zu deren im Norden liegenden Kolonie Angola aus. Im Helgoland-Sansibar Vertrag mit England konnte die Kolonie Deutsch-Südwest um den Caprivi-Zipfel erweitert werden und erhielt dadurch einen Zugang zum Sambesi. England wurde hierfür Helgoland überschrieben.
Die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika, 1885 gegründet, begann sofort mit ihirer Arbeit: sie holte deutsche Siedler in das Land und verpachtete diesen große Farmländereien. 1891 wird Windhoek, das ehemalige Stammeszentrum der Orlam, zum offiziellen Sitz des deutschen Kommissariats ernannt. Da die Landnahme ohne Rücksicht auf die traditionellen Stammesgrenzen vorgenommen wurde, führte dies unweigerlich zu Spannungen und Auseinandersetzungen, welche durch die ins Land gebrachten Deutschen Schutztruppen kontrolliert und niedergeschlagen werden sollten. Zwar bestand ein Schutzvertrag mit den im Norden lebenden Herero, welchem sich die Nama entzogen, jedoch rissen die Auseinandersetzungen zwischen beiden Ethnien nicht ab, was die geringe Zahl an stationierten Soldaten stark überforderte und sie den versprochenen Schutz der Herero nicht weiter gewährleisten konnten. In der Folgezeit nachdem die Schutzverträge aufgekündigt wurden, kam es gehäuft zu Übergriffen von sowohl Herero als auch von Nama auf deutsche Händler und Siedler. Die Schutztruppen mussten wiederholt verstärkt und die deutsche Herrschaft konnte nur mit militärischer Gewalt durchgesetzt werden.
Im Januar 1904 begann der folgenschwere Aufstand der Herero unter ihrem Häuptling Samuel Maherero. In Okahandja beginnend breitete sich die Rebellion schnell über das ganze Land aus und versetzte das Deutsche Reich in den Kriegszustand – welcher erst drei Jahre später aufgehoben werden sollte. Trauriger Höhepunkt sowie das Ende des Aufstandes war die Schlacht am Waterberg. Hier wurde der Hereroaufstand blutig niedergeschlagen. Der damalige Oberbefehlshaber der deutschen Truppen, Generalleutnant Lothar von Trotha, drohte den Herero mit einem Vernichtungsschlag, bei dem keine Gefangenen gemacht werden sollten. Er behielt Recht: nach der Schlacht am Waterberg wurden alle Überlebenden in die wasserlose Omaheke- Kalahari getrieben. Von ehemals ca. 80.000 Herero überlebten die Vertreibung etwa 15.000 (Losskarn, 2007/ 266). Deutschland beging seinen ersten Genozid.
Waren die Nama anfänglich noch Verbündete der Deutschen im Kampf gegen die Herero, machten sich diese kaum noch Illusionen über ein gleichberechtigtes Verhältnis zur Kolonialmacht. Gegen Ende des Jahres 1904 erklärten auch sie unter ihrem Häuptling Hendrik Witbooi den Deutschen den Krieg. Etwa ein Jahr dauerte der Guerillakrieg der schlecht ausgerüsteten und in der Minderheit stehenden Nama gegen die Besatzungsmacht. Im Oktober 1905 wurde Hendrik Witbooi bei einem Raubüberfall tödlich verwundet – ohne ihren charismatischen Führer sahen die Nama diesen Krieg als verloren an und kapitulierten. Jedoch ging der Guerillakampf unter Simon Kooper und Jakobus Morenga bis 1907 weiter.
Nach dessen Niederschlagung meldete der damalige Gouverneur Deutsch-Südwestafrikas nach Deutschland, dass der Kriegszustand aufgehoben werden könne und das Land unter Kontrolle sei. Insgesamt kosteten die Aufstände ca. 60.000 bis 70.000 indigenen Männern, Frauen und Kindern das Leben, woraus sich für die Besatzungsmacht ein neues Problem ergab: Wie kann ohne billige Arbeitskraft die Kolonie erfolg- und profitreich ausgebeutet werden?
Hierzu wurde ein verbindliches Pass-System eingeführt, welches die Besitzer zwang, für die weißen Herrscher zu arbeiten – eine frühe Form der später in Südafrika vollzogenen Apartheidpolitik. Als 1908 bei Lüderitz Diamanten entdeckt wurden und ein gewaltiger Diamantenboom ausgeöst wurde, bescherte dies Deutsch- Südwestafrika und dem gesamten Reich einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung.
Jedoch konnte sich nur kurz an diesem neuen Reichtum erfreut werden – mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges marschierten am 13. September 1914 südafrikanische Truppen unter der Führung von Louis Botha in Deutsch-Südwest ein und zwang Deutschland zur Kapitulation. Diese wurde am 9. Juli 1915 unter dem letzten Kommandeur der Deutschen Schutztruppe Victor Franke erzwungen.


persönlicher Tipp
Nicht nur die kulinarische Vielfalt oder die Tierbeobachtungen sind eine Reise nach Namibia wert. Nehmen Sie doch auch einmal Kontakt zu den verschiedensten Völkern des Landes auf. Lassen Sie sich z.B. bei den Himbas in die Tradition der Viehzucht und des heutigen nomadischen Lebens einführen oder gehen Sie mit den Männern der San in der Kalahari auf die Jagd und suchen Sie gemeinsam mit den Frauen nach Früchten und Wurzeln für das Abendessen. Tauchen Sie ein in eine vielleicht schon vergessene Welt.
Lars Müller
(Produktmanager Namibia)

